Die Eisheiligen haben in den letzten Tagen nochmals etwas Winter in
den in weiten Teilen der Schweiz bereits eingekehrten Frühling
eingebracht. Obwohl ich mental bereits mit der Skitourensaison
abgeschlossen habe, überlege ich mir, ob ich nochmals auf eine Tour
gehen sollte. Den Gedanken verwerfe ich schnell wieder – doch eine
gute Kollegin von mir beschäftigt sich mit der exakt gleichen Idee.
Wir beginnen eine geeignete Tour zu suchen. Da die Lawinensituation
angespannt ist, gehen wir folgenden Kompromiss ein: Eine relativ
sichere Tour führt uns von Realp aus auf den Stotzigen Firsten, jedoch
werden wir die Skier die ersten drei- bis vierhundert Höhenmeter
tragen müssen. Vom wenigen Schnee lassen wir uns nicht entmutigen,
sondern interpretieren die Tour als ein kleines Frühlingsabenteuer.
Bei der Anfahrt durch das Urserental erkennen wir zum einen, dass in
den höheren Lagen reichlich Schnee liegt. Andererseits realisieren
wir, dass der Schnee sich doch schon weiter nach oben zurückgezogen
hat als bei der Planung angenommen. So laufen wir mit den Skiern auf
dem Rucksack in Realp los in Richtung Stotzigen Firsten. Ein Älpler
gibt uns zu Beginn der Tour noch mit auf den Weg, dass es immer gut
sei, ein Ziel vor Augen zu haben. Motiviert steigen wir also hoch zu
unserem ersten Zwischenziel – dem ersten Schneefleck im Hang oberhalb
der Alp Meder.
Geschafft, Schneefeld erreicht! Zuerst folgen wir einer dünnen
Schneeschicht, welche in relativ kurzer Distanz immer solider wird. Am
Ende des grossen Rückens, etwas oberhalb von Unter Deieren, erreichen
wir nun das erste Zwischenplateau und befinden uns inmitten des
Winters. Die Sicht ist besonders klar und das umliegende Bergpanorama
präsentiert sich prächtig unter dem dunkelblauen Himmel. Bei der Alp
Gässler machen wir eine Pause, und stärken uns für die letzten rund
400 Höhenmeter Anstieg bis zum Gipfel.
In der Ebene kurz vor dem Schlussanstieg zum Gipfel höre ich ein
plötzliches, peitschendes Scheppern und glaube zuerst, gerade einen
Unfall oder Absturz gehört zu haben. Doch als meine Kollegin kein
Geräusch gehört hatte, realisieren wir, dass dies womöglich ein
«Wummgeräusch» war. Da wir die einzigen Personen im Gelände sind und
die erste Spur ziehen, hat sich womöglich die Schneedecke unter uns
entladen und sich in ihr Risse gebildet. Nur wenige Meter weiter
kommen wir rasch zum Schluss, dass wir nichts riskieren wollen und den
Gipfel für heute weglassen. Somit fellen wir ab und machen uns an die
Abfahrt entlang der Aufstiegsspur. Für den Gipfel reicht es heute zwar
nicht, dafür aber für eine Abkühlung in der Furka-Reuss – bevor wir
etwas später den 15:05 Zug zurück nach Luzern nehmen.
Schwierigkeitsgrad (SAC)
WS
Skitourenguru (bei Erheblich 3-)
0.73
Schneeprobleme (Bulletin)
Neuschnee, Altschnee (über 2'600 m, Erheblich 3-) und
Nassschneelawinen (Gering, 1). Der Lawinenwarndienst hat derzeit wenig
Informationen aus dem Gelände, weshalb die Lawinengefahr vor Ort
besonders gründlich überprüft werden muss.
Gefahren (Literatur)
Keine
Schlüsselstellen
Keine nennenswerten Schlüsselstellen
Dauer (erwartet)
5h (davon Aufstieg 3h 30)
Dauer (effektiv)
5h (davon Aufstieg 3h 30). Die "Punktlandung" muss relativiert werden:
Einerseits sind wir nicht bis zum Gipfel hoch, andererseits konnten
wir die Skier erst weiter oben anziehen als ursprünglich angenommen.
Wetter (erwartet)
Sonnig und einige Wolken. Wenig Wind, bei Tourenstart eher kalt. Klare
Sicht aufgrund trockener Luft.
Wetter (effektiv)
Temperatur deutlich wärmer als erwartet (bereits beim Start). Während
des Aufstiegs weitaus sonniger als erwartet (kaum Wolken).
Schneeverhältnisse (erwartet)
Kurz nach Punkt "Meder" sollten wir auf einer Höhe von ca. 1'850
M.ü.M. die Skier anziehen können. Spätestens nach "Unter Deieren"
sollte die Schneedecke solide sein (keine "Flecken"). In der zweiten
Hälfte der Skitour evtl. noch etwas Pulver des Schneefalls der letzten
Tage.
Schneeverhältnisse (effektiv)
Der erwartete Übergang von Gras zu Schnee ist deutlich höher als
angeommen (ca. 200 hm weiter oben, d.h. bei 2'050 M.ü.M.). Ab dem
Zwischenplateau nördlich von "Unter Deieren" waren die
Schneeverhältnisse aber sehr gut, wobei die Schneedecke rasch feucht
wurde im Verlauf des Tages. Bei der Abfahrt mogelten wir uns durch
Büsche von Schneefeld zu Schneefeld, sodass wir ca. auf 1'900 M.ü.M.
herunterfahren konnten.
Was nicht gut lief
Bekannte Skitour und damit keine Zwischenfälle. Positiv, dass wir uns
nach dem Wummgeräusch vorsichtshalber für eine Umkehr entschieden
haben, und den Gipfel heute nicht mehr bestiegen haben.